Europäischer Elektroautosektor muss sich gegen globale Lieferkettenschocks wappnen

Erik Nymann von SSAB warnt davor, dass die europäische Elektroautoindustrie einem zunehmendem Druck durch geopolitische Veränderungen, Batterieimporte und schwache Recyclingsysteme ausgesetzt ist. Er sieht aber auch große Möglichkeiten für alle, die ein Umdenken wagen und rasch handeln.

Text: Michael Nash, www.automotivemanufacturingsolutions.com.

Der in der schwedischen Hauptstadt Stockholm verliehene Swedish Steel Prize brachte führende Fachleute, Ingenieure und Analysten aus verschiedenen Branchen und Teilen der Welt zusammen. Ein dichtes Programm mit Präsentationen bot den Teilnehmern die Möglichkeit, sich in zahlreiche wichtige Themen zu vertiefen, darunter die Zukunft der europäischen Automobilindustrie.

Erik Nymann, Leiter Geschäftsinnovation und Marktinformationen bei SSAB, gab erhellende Einblicke in den gegenwärtigen Zustand der europäischen Automobilindustrie und erkundete die zahlreichen Herausforderungen, vor denen Autohersteller und Lieferanten stehen. Zunächst hob er die Rolle der Automobilindustrie für die Gesamtwirtschaft hervor, wodurch er die Herausforderungen in einen größeren Zusammenhang stellte.

„Ich möchte unterstreichen, wie wichtig die europäische Automobilindustrie für die Technologie und auch die Wirtschaft des gesamten Kontinents ist“, sagte er. „Sie steht für nahezu 7 % des BIP in Europa und beschäftigt rund 30 Millionen Menschen. Die Automobilindustrie ist ein rasch sich entwickelnder Sektor, aus dem 30 % der gesamten Patente in Europa stammen. Gegenwärtig ist sehr viel Bewegung in diesem Sektor. Demnächst werden 150 neue Elektroautos auf den Markt kommen. Allein diese Fakten unterstreichen, wie wichtig diese Branche ist – fast zu wichtig, um zu scheitern.“

Dies wird eine große Herausforderung für den europäischen Automobilsektor sein
Erik Nymann, Leiter Geschäftsinnovation und Marktinformationen, SSAB

Elektroautos und Materialien

Die Folgen der Umstellung von Verbrennern zu Elektroautos werden in Europa seit Jahren heiß diskutiert. Dasselbe gilt für die Einführung von autonomen Fahrzeugen. Nymann nennt eine Reihe von Herausforderungen, die mit diesen Trends verbunden sind. Viele davon werden in den kommenden Jahren einen unmittelbaren Einfluss auf die europäische Automobilindustrie haben.

So ist zum Beispiel die Batterieproduktion in China konzentriert. Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigen, dass über 70 % der weltweit in Betrieb befindlichen Batterien für Elektroautos in China hergestellt wurden, wobei sich CATL und BYD den Löwenanteil an der Produktion gesichert haben. Hinzu kommt, dass China der weltweit größte Erzeuger von seltenen Erden ist, von denen viele in Batterien für Elektroautos verwendet werden. 

„Dies wird eine große Herausforderung für den europäischen Automobilsektor sein“, sagt Nymann. „Wir sehen auch die Dekarbonisierung der gesamten Wertschöpfungskette mit steigenden Emissionssenkungszielen im gesamten Sektor, nicht nur auf der Ebene der Fahrzeugnutzung. Wir haben auch diese neue Form des Fahrzeugrecyclings, verbunden mit der Nachverfolgbarkeit der Materialien, was beides wichtige Fragen in Europa sein werden.“

Der Markt für batteriebetriebene Elektroautos wird weiteren Gewichtsreduzierungen einen Schub geben, weshalb wir einen Anstieg bei hochfesten Stählen von 6 % erwarten
Erik Nymann, Leiter Geschäftsinnovation und Marktinformationen, SSAB

Das Recycling im Automobilsektor begann zunächst mit Kunststoffen und Textilien, doch jetzt gibt es zunehmende Anforderungen an Unternehmen wie SSAB, dass auch der Stahl am Ende der Nutzungszeit eines Fahrzeugs wiederverwertet werden kann. Damit sind zahlreiche schwierige Herausforderungen verbunden, darunter die Verunreinigung mit Kupfer. Nymann gibt an, dass ausreichend Schrottfahrzeuge verfügbar seien, um 40 % des in der Fahrzeugproduktion verwendeten Stahls abzudecken, wenn der gesamte Stahl erfolgreich wiederverwertet würde. Zum jetzigen Zeitpunkt beträgt dieser Anteil jedoch nur rund 6 %. SSAB Zero™ wird unter Verwendung von fossilfreier Energie und recyceltem Stahl hergestellt, was ihn zu einer nachhaltigen Alternative macht. 2026 ist er im kommerziellen Maßstab erhältlich. 

Einer der wichtigsten Trends in Zuge des Aufkommens der Elektroautos war die Gewichtsreduzierung, was den Herstellern das Erreichen von größeren Reichweiten für ihre Fahrzeuge ermöglichte. Nymann erwartet eine wachsende Nachfrage nach hochfesten und ultrahochfesten Stählen, da die Hersteller mehr Elektroautos fertigen werden.

„Der Markt für batteriebetriebene Elektroautos wird weiteren Gewichtsreduzierungen einen Schub geben, weshalb wir einen Anstieg bei hochfesten Stählen von 6 % erwarten“, erklärt er. „Und wir haben hier immer noch einen Vorteil gegenüber Aluminium, weil die Herstellungskosten für das Material viel niedriger sind.“

Trumps Zölle und Chinas Aufstieg

Der Swedish Steel Prize wurde vor einem besonders turbulenten Hintergrund verliehen, während Trump hohe Zölle ankündigte, die die Weltwirtschaft hart treffen würden. Europa wurde davon nicht ausgenommen, und angesichts der hohen Abhängigkeit der Automobilindustrie von Im- und Exporten in die USA könnten die langfristigen Auswirkungen dieser Zölle massiv sein.

„Wir müssen Geopolitik und Handelspolitik mitbedenken“, bemerkt Nymann. „Die jüngsten Zölle in den USA könnten dafür sorgen, dass die exportabhängigen Industrien wie etwa die europäische Automobilindustrie in schweres Fahrwasser gerät. Darüber hinaus wächst der Wettbewerb durch China, das den Elektroautomarkt in Europa flutet. Wir erwarten, dass der Trend in Zukunft noch zunimmt, was die europäischen Autohersteller in eine sehr schwierige Position bringt.“

In vielen Regionen mangelt es noch an der Infrastruktur, für deren Bau hohe Investitionen erforderlich sind.
Erik Nymann, Leiter Geschäftsinnovation und Marktinformationen, SSAB

Gegenwärtig fertigen die chinesischen Hersteller ihre Fahrzeuge in China, bevor sie sie nach Europa exportieren. Zahlreiche Unternehmen haben jedoch bereits Pläne für den Bau von Fabriken in Europa bekanntgegeben. So baut BYD Fabriken in Ungarn und der Türkei und erwägt eine dritte in Deutschland.

Nymann erwähnt auch die laufenden Lieferkettenprobleme, die auf die Corona-Pandemie und Russlands Krieg in der Ukraine zurückzuführen sind, wie etwa die Knappheit bei Halbleitern. Diese müssen noch behoben werden, warnt er, und sie könnten weiter Auswirkungen auf den europäischen Automobilsektor haben.  

Alle diese Herausforderungen verlangen eine sorgfältige Betrachtung seitens aller beteiligten Parteien in Europa, von den Autoherstellern bis zur Politik. Nymann ist der Auffassung, dass genau untersucht werden sollte, wie die europäischen Unternehmen schneller auf globale Ereignisse reagieren können. Erforderlich seien Schutzmaßnahmen für die Produktion und die Geschäftsabläufe, um dafür zu sorgen, dass Europas Wirtschaft nicht mehr so verwundbar durch unvorhergesehene Probleme ist.

Gebäudeinfrastruktur

Neben dem Wachstum bei Produktion und Vertrieb von Elektroautos sieht Nymann einen großen Bedarf beim Ausbau der Ladestruktur in Europa. „Wir in Skandinavien sind ziemlich verwöhnt, aber das übrige Europa muss aufholen“, sagte er. „In vielen Regionen mangelt es noch an der Infrastruktur, für deren Bau hohe Investitionen erforderlich sind.“

Die europäische Automobilindustrie würde eindeutig vor großen Herausforderungen stehen, schloss Nymann. Dennoch gab er sich zuversichtlich, dass die europäischen Autohersteller mit den richtigen Innovationen, der Förderung von Fachkräften und Kooperationen und Partnerschaften eine starke Position halten können. 
Erik Nymann, Leiter Geschäftsinnovation und Marktinformationen, SSAB

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